Karl May lebendig erzählt – Lesereise am Maristengymnasium 

Im Rahmen der Karl-May-Lesereise nahm sich Dr. Wieland Zirbs von der Karl-May-Gesellschaft an drei Tagen Zeit für insgesamt fünf siebte Klassen des Maristengymnasiums Fürstenzell. Jeweils zwei Schulstunden lang tauchten die Schülerinnen und Schüler gemeinsam mit dem ausgewiesenen Karl-May-Kenner in die Welt von Winnetou, Old Shatterhand und den großen Fragen von Freundschaft, Gerechtigkeit und Frieden ein. 

Bereits bei der Begrüßung betonte Dr. Zirbs seine enge persönliche Verbundenheit mit dem MGF, was der Veranstaltung von Beginn an eine warme, zugewandte Atmosphäre verlieh. Ziel der Lesereise sei es, so Zirbs, Karl May nicht als „verstaubten Abenteuerautor“, sondern als vielschichtigen Erzähler mit moralischem und humanistischem Anspruch erlebbar zu machen. 

Exemplarisch las er aus dem 12. Kapitel „Rettung, Sieg und Friede“ des Romans „Der Sohn des Bärenjägers“. Nach einer kurzen Einführung in die zentralen Figuren – „Karl May erzählt alles schön klar“, wie Zirbs augenzwinkernd bemerkte – ging es um die dramatische Befreiung des Bärenjägers aus den Händen der Schoschonen. Dabei wurde deutlich, dass es Karl May nicht allein um Spannung und Action geht, sondern um Verständigung zwischen verfeindeten Gruppen, um Mut, Loyalität und die Möglichkeit zur Versöhnung. 

Besonders eindrücklich für die Zuhörer war die Schilderung der Natur und ihrer Deutung durch die indigenen Völker: So wurden Geysire von den Indianern als „Maul der Hölle“ verstanden – ein Bild, das sowohl Furcht als auch Ehrfurcht vor der Natur ausdrückt. Für Heiterkeit sorgte hingegen Old Shatterhands Erklärung seiner Herkunft in bewusst vereinfachter, pseudo-indianischer Sprache, die Karl Mays Sinn für Humor und Selbstironie erkennen lässt. 

Dr. Zirbs machte zudem darauf aufmerksam, dass Karl May das erste Kennenlernen von Winnetou und Old Shatterhand in unterschiedlichen Werken jeweils leicht anders erzählt. Diese Variationen seien kein Fehler, sondern Ausdruck einer mündlichen Erzähltradition und zeigten, dass der Autor seine Geschichten immer wieder neu ausgestaltete und anpasste. 

Ein weiterer Schwerpunkt der Lesungen lag auf den ethischen Dimensionen der Romane. Old Shatterhand bringe, so Zirbs, christlich geprägte Werte wie Nächstenliebe, Gewaltverzicht und Vergebung in die Welt der Indianer ein – allerdings nicht belehrend, sondern im Dialog und durch eigenes Handeln. Gerade darin liege die anhaltende Aktualität der Texte. 

Zum Abschluss spannte Dr. Zirbs einen größeren historischen und ideellen Bogen, indem er Karl Mays Friedensgedanken mit Bertha von Suttners Engagement für den Weltfrieden in Verbindung brachte. Beide, so sein Fazit, hätten früh erkannt, dass Frieden nicht durch Überlegenheit, sondern nur durch Verständigung, Empathie und Menschlichkeit entstehen könne. 

Die Lesereise hinterließ bei den Siebtklässlern einen nachhaltigen Eindruck und zeigte eindrucksvoll, dass Karl May auch heute noch viel zu sagen hat – gerade jungen Lesern. 

Tobias Korter

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